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# Bar Europa

Es ist alles so schön und nett hier - In unserm frisch bezogenem Heim - Und manche wollen nichts lieber als weg hier - Und andre würden viel lieber rein - Also schenk doch noch einen ein - In diesem cosmopolitanen lokal - Die Welt wird mir zu klein - Ich fühl mich international

Bernadette La Hengst
("Bar Europa" auf "Der Beste Augenblick in deinem Leben", München, Trikont, 2000.)


# Marie in Japan

(...) Und Europa? Oje, das ist schwierig. (...) Europa als Markt, darüber wissen sie alles, besser als ich. Aber Europa als Kultur, das gibt es und gibt es nicht. Das ist wie eine Familie. (...) Du gehörst dazu. Wo sind die Grenzen einer Familie? Es gibt immer irgendwelche Großtanten und Urgroßneffen: Sind die Leute jenseits des Kaukasus Europäer? Und die Aufteilung des Erbes! In fünfundzwanzig Jahrhunderten ist keine Grenze in Europa unverändert geblieben. (...) Und kulturell, können sie sich das vorstellen? Das ist ein Monstrum. Dreißig verschiedene Sprachen, ohne die sprachlichen Minderheiten zu zählen, alle möglichen Religionen, die aus drei Offenbarungen hervorgegangen sind, mit allen Konflikten des Zusammenlebens und der Nachbarschaft, religiös und sprachlich. Ohne von den Ethnien zu sprechen, die nicht unbedingt mit den Sprachen übereinstimmen. Wenn es um das multikulturelle geht, ist Europa unschlagbar. Es gibt nur Fremde in der Familie. Die einzige Wirkliche Gemeinschaft ist der Gewinn, das heißt, das Kapital, die Entwicklung. Und selbst die ist nicht einfach. Das reiche Europa erlebt eine Invasion der Armen, die durch fünfzig und mehr Jahre Stalinismus hervorgebracht wurden. Ungleiche Entwicklung, mitten in Europa. Die Ankömmlinge aus Polen, aus der Türkei, oder aus Unfarn, die man in Brandenburg absetzt, werden von Jungen, zwangsläufig fremdenfeindlichen Arbeitslosen angegriffen, wie Hans Peter erzählt hat. (...) Der Krieg geht weiter, nicht mit Waffen, sondern mit Knete. Kultur - in diesem Durcheinander? Zum Glück hören sie mir nicht mehr zu ...

Jean Francois Lyotard
("Marie in Japan" in "Postmoderne Moralitäten", Wien, Passagen, 1993.)


# Den Regierungen gegenüber: die Rechte des Menschen. (Wortmeldung)

Wir sind hier nur Privatmenschen, die keinen anderen Anspruch darauf haben zu sprechen, und gemeinsam zu sprechen als eine gewisse gemeinsame Schwierigkeit, das zu ertragen, was geschieht. Ich weiß wohl, und man muss sich das vor Augen führen: für die Gründ, aus denen Männer und Frauen lieber ihre Länder verlassen als darin zu leben, können wir nicht viel. Die Sache liegt außerhalb unserer Reichweite. Wer hat uns also beauftragt? Niemand. Und das genau macht unser Recht aus. (...)
Man muss die uns so häufig vorgeschlagene Aufgabenverteilung zurückweisen: Den Individuen, sich zu empören und zu reden; den Regierungen, zu reflektieren und zu handeln. Es ist war: Die guten Regierungen lieben die fromme Empörung der Regierten, solange sie lyrisch bleibt. Ich glaube, dass man sich klar machen muss, dass es sehr oft die Regierenden sind, die reden und die nichts anderes können und wollen als reden. Die Erfahrung zeigt, dass man die theatralische Rolle der schlichten und einfachen Empörung, die man uns vorschlägt, zurückweisen kann und muss. (...)
Der Wille der Individuen muss sich in eine Wirklichkeit eintragen, für die die Regierungen sich das Monopol reservieren wollten, dieses Monopol, das man ihnen Schritt für Schritt jeden Tag aufs neue entreißen muss.

Michel Foucault
("Face aux gouvernments, les droits de l`homme", Libération, 967, 30. Juni - 1. Juli 1984, S.22. in "Analytik der Macht", Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2005.)


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